Andreas Weber, MD, zu Eizellspende und Leihmutterschaft
„Leihmutterschaft und Organhandel erzeugen schwerwiegende, ethische Probleme“

Andreas Weber, MD, ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Deputy Director für Europa bei Doctors Against Forced Organ Harvesting. Mit Frauenheldinnen e. V. spricht er über Eizellspende und Leihmutterschaft sowie die Konsequenzen für Eizellspenderinnen, Leihmütter und Kinder.
Warum ist die Samenspende in Deutschland erlaubt, während die Eizellspende verboten ist? Worin liegt der Unterschied?
Das Verbot der Eizellspende in Deutschland gilt seit 1990 und ist im Embryonenschutzgesetz verankert. Die Samenspende ist seit Jahrzehnten etabliert und u. a. über das Samenspenderregistergesetz geregelt. Der „genaue Grund“ basiert auf einer bewussten politischen Entscheidung des damaligen Gesetzgebers, welcher auf damaligen ethischen Vorstellungen über Mutterschaft und dem Schutz vor medizinischen Risiken beruhte. Im Wesentlichen waren drei Hauptargumente führend, welche ich im folgenden Vergleich zur Samenspende einfließen lassen möchte.
An erster Stelle stand damals der Schutz des Kindeswohls vor einer „gespaltenen Mutterschaft“, welche beim Kind größere Identitäts- und Beziehungsprobleme als bei einer „gespaltenen Vaterschaft“ durch Samenspende erzeugen könnte. Die Mutter-Kind-Beziehung wurde als besonders wertvoll angesehen, weshalb eine Aufspaltung als gravierender eingestuft wurde.
Als weiteres Argument wurde der Schutz der Spenderin vor den medizinischen Risiken durch die Gewinnung der Eizellen angeführt, welche einen invasiven medizinischen Eingriff voraussetzt während die Samenspende keinerlei körperliche Belastung über das natürliche Maß hinaus darstellt. Die medizinischen Risiken der Gewinnung von Eizellen werden unter anderem durch die notwendige Hormonstimulation und der invasiven Punktion der Ovarien unter Narkose erzeugt.
Das dritte Hauptargument war die Verhinderung von Kommerzialisierung und Ausbeutung des weiblichen Körpers.
Der medizinische Unterschied zwischen der Eizellspende und der Samenspende lässt sich bereits aus den zuvor aufgeführten Argumenten ableiten. Während die Samenspende keine medizinischen Risiken für den Spender birgt, ist die Eizellspende jedoch massiv risikobelastet. Auch wenn schwere Komplikationen zwischen 0,5–2 % je nach Prozedur liegen, können diese in sehr seltenen Fällen bis zum Tode führen. Diese sind meist auf unerkannte Vorerkrankungen oder mangelhafte Betreuung zurückzuführen.
Warum ist eine Eizellspende überhaupt notwendig? Könnten stattdessen die natürlichen Eizellen der Leihmutter verwendet werden?
Das hängt ganz vom Einzelfall ab. Es kann medizinische Gründe dafür geben, welche die Eizellspende notwendig machen. Wenn beispielsweise die Wunschmutter selbst keine eigenen Eizellen produzieren kann. Das kann aufgrund früher Wechseljahre, nach Chemotherapie, bei bestimmten genetischen Erkrankungen oder wenn aufgrund anderer Umstände die Gebärmutter entfernt worden ist, der Fall sein.
Natürlich könnte man stattdessen die eigenen Eizellen der Leihmutter verwenden. Es wäre medizinisch deutlich einfacher und sicherer. Warum? Die Leihmutter müsste sich keiner aufwendigen Hormonbehandlung aussetzen oder dem Risiko einer Eizellentnahme unterziehen. Es würde auch Zeit und Kosten sparen, da kein aufwendiges Matching mit einer Spenderin und keine teure Eizellspende notwendig wären. Zudem ist die Erfolgsrate einer Schwangerschaft etwas höher. Auch bräuchte man keine dritte Person im System. Es wären nur zwei Parteien beteiligt, die Wunscheltern und die Leihmutter, was rechtlich oft einfacher ist.
Der große Nachteil ist allerdings, dass die Leihmutter dann auch die genetische Mutter des Kindes ist. Das macht die emotionale Trennung nach der Geburt noch schwieriger. Es muss daher als ethisch problematischer eingestuft werden als die reine „Bauchmiete“ mit fremden Eizellen.
Wie reagiert der Körper der Leihmutter auf das fremde genetische Material des Embryos?
Hier muss man zwischen den beiden Formen der Leihmutterschaft unterscheiden. Es gibt die sogenannte traditionelle und die gestationale Leihmutterschaft. Bei der traditionellen Leihmutterschaft spendet die Leihmutter ihre eigenen Eizellen. Das Kind ist daher auch genetisch ihr Kind. Bei der gestationalen Leihmutterschaft ist das Kind mit der Leihmutter genetisch nicht verwandt. Hier kommen die Eizellen entweder von der Wunschmutter oder einer unbekannten Spenderin, welche zuvor oftmals aus einem Katalog nach verschiedenen Kriterien ausgesucht wurde.
Der Körper der Leihmutter behandelt den Embryo bei der traditionellen Leihmutterschaft, ähnlich wie bei jeder normalen Schwangerschaft, als halbfremden Organismus. Der Fötus ist durch seine väterlichen Anteile immer genetisch anders als die Mutter. Die Plazenta bildet hier eine Art immunologische Barriere indem sie unter anderem bestimmte Immunzellen, z. B. regulatorische T-Zellen, produziert, welche für Toleranz sorgen und so eine Abstoßung des halbfremden Organismus verhindern. Dennoch ist hierbei das Risiko für Komplikationen wie schweren Nachblutungen und schwerer Präeklampsie im Vergleich zur natürlichen Schwangerschaft mehr als doppelt so hoch, wie eine 2024 durchgeführte Studie von Velez et al an der Queens University und ICES, Ontario, Kanda, zeigte.
Bei der gestationalen Leihmutterschaft jedoch, also bei einer Leihmutter, der eine fremde befruchtete Eizelle in ihrer Gebärmutter implantiert wird, ist das Kind komplett genetisch fremd, welche das Risiko von Komplikationen weiter erhöht. Deshalb reagiert das Immunsystem oft noch stärker, was zu einem fast dreifach erhöhten Risiko von schweren Komplikationen führt.
In wie viel Prozent der Fälle dies weltweit zum Tode führt, kann nicht sicher gesagt werden, weil es keine Studien aus Ländern gibt, in denen die medizinische Versorgung, insbesondere die Nachsorge für die Leihmütter, ähnlich gut geregelt ist wie in Kanada. Und wie hoch die Sterblichkeit auf den Schwarzmärkten in Kambodscha oder China ist, kann man nur erahnen.
Nach welchen Kriterien werden Embryonen für den Transfer in die Gebärmutter ausgewählt, und was geschieht mit den nicht ausgewählten Embryonen?
Die Kriterien für den Transfer der ausgewählten Embryonen in die Gebärmutter sind in verschieden Ländern unterschiedlich und führen zu unterschiedlichen Konsequenzen.
Daher erachte ich hier eine kurze Gegenüberstellung von drei Ländern für besonders wertvoll. Im Folgenden erläutere ich kurz die Situation für Deutschland, den USA und China.
In Deutschland werden Embryonen fast ausschließlich nach ihrem äußeren Erscheinungsbild und Entwicklungsfortschritt ausgewählt. Diese rein morphologische Auswahl beschreibt wie stark die Blastozyste expandiert ist, die Qualität der inneren Zellmasse und die Qualität des sogenannten Trophoektoderms, das ist die Zellmasse aus welcher die Plazenta entsteht. All dies stellt den international gültigen Gardner-Score dar. Zusätzlich wird geschaut, ob die Zellen gleichmäßig sind und wie viel Fragmentierung vorhanden ist. Genetische Tests (PGT) zur Chromosomenauswahl sind in Deutschland im Gegensatz zu den USA und China nur in Ausnahmefällen erlaubt.
Nicht ausgewählte Embryonen werden in Deutschland abhängig vom Entwicklungsstadium entweder bei schlechter Qualität verworfen oder können bei guter Qualität für spätere Implantationsversuche eingefroren (kryokonserviert) werden.
In Deutschland dürfen im Vergleich zu den USA und China nur maximal drei befruchtete Eizellen pro Zyklus bis zum Blastozystenstadium kultiviert werden. Das führt dazu, dass insgesamt deutlich weniger Embryonen eingefroren werden.
Es gibt weitere zum Teil ziemlich große Unterschiede wie zum Beispiel KI-gestützte Auswahlsysteme, die Time-Lapse-Technik und die nicht invasive Chromosomen-Einschätzung, die in China weit verbreitet ist. Genetische Tests, die in Deutschland nur sehr eingeschränkt erlaubt sind, sind in anderen Ländern deutlich weniger reguliert. Durch sehr hohe Fallzahlen und riesige Datenmengen können in den USA und China KI-Modelle trainiert werden. Das stellt eventuell einen technischen Fortschritt dar, aber welche moralethischen Implikationen ergeben sich daraus?
Durch die hohen Fallzahlen entstehen beispielsweise riesige Berge eingefrorener Embryonen, welche ethische, rechtliche und finanzielle Probleme schaffen. In China wächst der Überschuss durch hohe IVF-Zahlen noch schneller, was langfristig regulatorischen Druck erzeugt. Außerdem dürfen in den USA und China nach vorheriger schriftlicher Einwilligung der Spender die eingefrorenen Embryonen zu Forschungszwecken gebraucht werden.
Bei all diesen Überlegungen und Fakten sollten wir eines nach meinem Verständnis niemals aus den Augen verlieren. Embryonen sind menschliches Leben! Und stehen ihnen dann nicht auch Rechte zu, selbst wenn sie außerhalb ihrer natürlichen Umgebung existieren? Allerwenigstens sollten sie mit Würde behandelt werden.
Gibt es erhobene Daten zur Auswahl eingesetzter Embryonen, beispielsweise hinsichtlich des Verhältnisses männlicher zu weiblichen Embryonen?
Ja, es gibt klare Daten aus Ländern, in denen vor allem die genetische Untersuchung der Embryonen häufig durchgeführt wird. Aber auch in Deutschland gibt es Untersuchungen dazu.
Bei der in Deutschland durchgeführten morphologischen Embryonenauswahl ohne genetische Tests ist das Verhältnis leicht zugunsten männlicher Embryonen verschoben. Männliche Embryonen entwickeln sich im Labor oft schneller. In den USA zeigte eine große Studie mit über 91.000 Transferzyklen1, dass mit genetischen Untersuchungen 52,3 % männliche Blastozysten waren und dass ohne genetische Untersuchungen 51,6 % männlich waren.
In China kippt das Verhältnis teilweise noch stärker zu männlichen Embryonen. In manchen Studien bis zu 55–60%2 3.
Liegen wissenschaftliche Erkenntnisse darüber vor, aus welchen Gründen Frauen sich für eine Eizellspende oder eine Leihmutterschaft entscheiden?
Ja, dazu gibt es mehrere Studien und Reviews. Die Hauptgründe von Frauen für die Eizellspende sind Altruismus und in vielen Fällen finanzielle Entschädigung. Im Rahmen des Oozytensharing spielt auch der Wunsch nach einer günstigeren Behandlung eine Rolle. Viele Frauen geben zudem persönliche Erfahrungen mit Unfruchtbarkeit aus ihrem Umfeld als Motiv an4 5 6.
Bei der Leihmutterschaft, der Gestational Surrogacy, steht der Altruismus laut vorhandener Studienlage klar im Vordergrund, wo dies gestattet ist. Andere häufige Gründe sind der Wunsch anderen zu helfen, Freude an Schwangerschaften und Mitgefühl mit unfruchtbaren Paaren7 8.
Entstehen zwischen der Leihmutter und dem heranwachsenden Kind Bindungen oder Wechselwirkungen, auch wenn keine genetische Verwandtschaft besteht?
Es entstehen durchaus Bindungen und Wechselwirkungen zwischen Leihmutter und Kind. Diese sind unabhängig von der genetischen Verwandtschaft. Während der Schwangerschaft entwickelt sich eine pränatale Bindung. Die Schwangere spürt die Bewegungen des Kindes, reagiert auf seine Aktivität, spricht mit dem Bauch und baut eine emotionale Bindung auf. Dieser natürliche biologische und psychologische Effekt ist unabhängig von der Genetik.9 10
Auch epigenetische Wechselwirkungen spielen eine große Rolle. Die Leihmutter beeinflusst durch ihre Hormone, Ernährung, Stresslevel und Lebensweise, welche Gene beim Kind an- oder abgeschaltet werden. Dadurch wird die frühe Entwicklung des Kindes entscheidend geprägt!11 12
Zudem gibt es auch einen psychologischen Aspekt, der sich in gemischten Gefühlen wie Stolz aber auch Trauer oder einem Gefühl des Verlusts bei der Leihmutter äußern kann. Auch Anpassungsstörungen treten neben einer postpartalen Depression häufiger auf. Insgesamt deuten die Studien auf ein deutlich erhöhtes Risiko für neue psychiatrische Erkrankungen hin, das um bis zu 43 % höher ist als bei normalen Schwangerschaften.13 14
Welche psychischen Folgen können sich für das Kind ergeben?
Aus ethischer und pränatalpsychologischer Sicht gibt es kritische Stimmen, die sich auf mögliche Auswirkungen der Trennung von der Leihmutter oder der fehlenden pränatalen Bindung mit der Wunschmutter beziehen. Hierbei psychologisch empirische Daten zu erheben ist jedoch schwierig, da zum einen das frühkindliche Gehirn noch nicht herangereift ist und daher die üblichen Fragebögen in Bezug auf das Kind hier nicht anwendbar sind. Zum anderen fehlen große, randomisierte und langfristige Studien speziell zu pränatalen Effekten auf das Kind.
Wichtige psychologische Einflussfaktoren auf das Kind sind nach aktueller Forschung Offenheit und altersgerechte Aufklärung der Herkunft, ein positives Familienklima in der Wunscheltern-Familie mit stabilen, unterstützenden Beziehungen, sozioökonomischer Sicherheit sowie gesellschaftliche Akzeptanz. Ebenfalls wichtig erscheint die psychologische Vorbereitung der Wunscheltern.
Eine Längsschnittstudie von Susan Golombok aus Großbritannien ergab bei Kindern aus gestationaler Leihmutterschaft – bis auf vorübergehend leicht erhöhte Anpassungsschwierigkeiten innerhalb des Normalbereiches im Schulalter (ca. 7 Jahre) – keine signifikanten Unterschiede in der Entwicklung bis zum jungen Erwachsenenalter.
Wie man an der Studienlage erkennen kann ist sie unzureichend in Bezug auf die Kinder. Daher sei mir an dieser Stelle erlaubt, meine persönliche Meinung zu transportieren. Der Mutterleib ist für die heranwachsende Frucht der erste fühl- und fassbare Erlebnisraum. Der Herzschlag und die Stimme der Mutter erschallt – manchmal beruhigend und liebevoll oder auch gestresst und ängstlich – innerhalb eines akustischen Resonanzraumes. Das Wohlfühl- und Bindungshormon Oxytocin der Mutter wird über die Blut-Plazentaschranke in den Blutkreislauf des heranwachsenden Babys geschwemmt.
Der älteste Sinn des Menschen, der Geruchssinn wird bereits im Mutterleib trainiert und ist an den Geruch der Mutter gewöhnt. Vielleicht ist es ja jene durch diese Faktoren geschaffene Atmosphäre, die ein ungeschütztes und vulnerables Neugeborenes nach einer schmerzvollen und angespannten Geburt auf dem Brustkorb der natürlichen Mutter liegend trösten kann. Aber welche Erfahrung macht ein künstlich erzeugtes Kind statt dessen direkt nach der Geburt? Es wird unmittelbar nach der Geburt in eine absolut fremde Umgebung gebracht. Dieser Trost wird ihm nicht gewährt …
Gibt es Erkenntnisse zu Schwangerschaftsabbrüchen im Rahmen von Leihmutterschaften? Welche Gründe kommen hierfür infrage, welches Mitspracherecht hat die Leihmutter und bis zu welchem Zeitpunkt sind entsprechende Entscheidungen rechtlich zulässig?
In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten, daher gibt es hier keine offiziellen Angaben oder Daten. Typische Gründe für Abbrüche in Ländern, wo sie legal ist, sind vor allem medizinische Probleme beim Kind, schwere Fehlbildungen oder ungeplante Mehrlingsschwangerschaften, welche die Auftraggeber nicht wollen. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen die Auftraggeber massiv auf Abtreibung gedrängt haben.
Dennoch hat die Leihmutter fast überall das letzte Wort über ihren Körper. Selbst in den Leihmutterschaft-freundlichsten Staaten wie New York oder Kalifornien kann niemand eine Frau zwingen, gegen ihren Willen abzutreiben. Der Haken ist allerdings, dass sie normalerweise den Anspruch auf die restliche Vergütung verliert, wenn sie gegen die Vertragsabrede verstößt, indem sie nicht abtreibt, obwohl das vertraglich vorgesehen war. Das kann monatliche Zuwendungen beinhalten, doch insbesondere auch medizinische Folgekosten.
Kurz gesagt trägt die Leihmutter das Kind und das rechtliche Risiko – ein Vertrag kann sie nicht zwingen abzutreiben. Die emotionale und finanzielle Drucksituation kann dennoch brutal sein!
Bis wann abgetrieben werden kann, richtet sich nach dem jeweiligen Abtreibungsrecht des Landes, nicht nach dem Leihmuttervertrag. In Kalifornien und New York wird in der Regel bis zur 24. Woche abgetrieben. In den Medien wurde berichtet, dass in diesen Staaten rechtlich bis zum 9. Monat abgetrieben werden darf, weil die psychische und körperliche Gesundheit der Mutter im Vordergrund stehe. Das wird jedoch in der Praxis bisher so nicht durchgeführt. Bei Extremsituationen im neunten Schwangerschaftsmonat wird in der Regel durch den Arzt eine Geburt eingeleitet.
Was geschieht mit Kindern, die nach der Geburt nicht von den Wunscheltern angenommen werden?
Das hängt ebenfalls stark vom Land und der rechtlichen Elternschaft ab. In den meisten US-Bundesstaaten mit geregelter Leihmutterschaft werden die Wunscheltern schon vor der Geburt zu den legalen Eltern erklärt. Das verpflichtet sie, das Kind zu nehmen, ob sie wollen oder nicht. Weigern sie sich, kann das Kind trotzdem zu ihnen kommen oder sie müssen Unterhalt zahlen.
Wenn die Wunscheltern nicht als legale Eltern eingetragen sind, bleibt die Leihmutter in diesem Fall rechtlich die Mutter. Sie kann das Kind behalten oder zur Adoption freigeben. In der Praxis landen diese Kinder manchmal bei der Leihmutter, bei Pflegefamilien oder sie werden adoptiert. Es gibt dokumentierte Fälle, wo Kinder mit Behinderungen oder bei Streitigkeiten nicht abgeholt wurden. Zum Teil bleiben die Kinder dann bei der Leihmutter oder das Jugendamt übernimmt.
In Ländern wie China, wo die Leihmutterschaft seit 2001 verboten ist, werden solche Kinder auf dem Schwarzmarkt oft wie Ware behandelt. Wenn die Auftraggeber das Kind nicht wollen, z. B. wegen Behinderung oder wegen des falschen Geschlechts oder auch, weil sie es sich anders überlegen, wird es vom Vermittler weiterverkauft. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Babys für umgerechnet ca. 21.000 – 28.000 Euro an andere Käufer vermittelt wurden, teils inklusive gefälschter oder erkaufter Geburtsurkunde. Manchmal behält die Leihmutter das Kind auch, oder es landet in grauen Adoptionsnetzwerken. Rechtlich hat das Kind hier keine Absicherung, weil der ganze Vorgang illegal ist. Alles ist denkbar von Menschen- bis zum Organhandel.
Als Delegierter von Doctors Against Forced Organ Harvesting (DAFOH) engagieren Sie sich im Bereich Medizinethik und Menschenrechte. Wie erklären Sie sich, dass Leihmutterschaft in immer mehr Ländern legalisiert und kommerzialisiert wird, während Organhandel weltweit geächtet ist?
Scheinbar gibt es in der Wahrnehmung von Verstößen oder Verbrechen gegen die Menschenwürde einen blinden Fleck in sozialen Gesellschaften weltweit. Menschenrechte und Menschenwürde sind unveräußerlich und nicht verhandelbar.
Werden medizinisches Handeln und technisch Machbares jedoch emotional umgedeutet und entsprechend geframt, so scheinen Menschen geneigt, fast alles, inklusive Menschenrechtsverbrechen, für persönliche Vorteile zu akzeptieren. Hierbei werden nicht nur unveräußerliche Rechte des Menschen ignoriert, sondern Verantwortliche tragen durch das Framing, also den Umdeutungsprozess, dazu bei, das Denken der Menschen zu beeinflussen und sie einer Art Realitätsverzerrung zu unterziehen.
Nehmen wir das Beispiel des Organhandels und der Leihmutterschaft: Bei der Organtransplantation wird die Diskussion regelmäßig zugunsten des Organempfängers verschoben. Der scheinbare Vorteil von Gesundheit und längerem Leben für ihn verleitet dazu, das Leid der toten Organquelle zu ignorieren. Bei der Leihmutterschaft findet ein ähnlicher Prozess statt. Das prospektive Glück der Wunschfamilie verleitet dazu, das Leid des Neugeborenen, die schwerwiegenden Risiken für die Leihmutter und das problematische Handling der überproduzierten Embryonen zu ignorieren. Wäre nicht beides gleichartig zu beurteilen, wenn es zum Organhandel kommt? Beides ermöglicht Leben und bei beidem ist viel Geld und Technologie involviert, um das Ziel zu erreichen. Dennoch sind sie unterschiedlich in ihrer Natur.
Und wie sieht das beim Organraub aus? Hierbei wird ein lebender Mensch auf Bestellung getötet, was beim Organhandel nicht der Fall ist, weil die Organquelle in der Regel überlebt und zuvor meist eingewilligt hat. Dennoch wird über den Organraub weltweit kaum gesprochen, auch wenn Regierungen fast aller Nationen weltweit darüber informiert sind. Und insbesondere der staatlich orchestrierte Organraub von ethnischen und religiösen Minderheiten in China als bewiesen gilt! Ist auch dies ein Verschweigen zugunsten finanzieller und machtbezogener Vorteile?
In allen genannten Bereichen handelt es sich weltweit um milliardenschwere Industrien. Da sowohl die Leihmutterschaft als auch der Organhandel schwerwiegende Probleme in Bezug auf die Ethik erzeugen, jedoch gesellschaftlich unterschiedlich bewertet werden, kann ich aus meiner moralethischen Perspektive heraus nur zu einem logischen Schluss kommen. Nämlich, dass die Hauptursache für diese Diskrepanz in einem weit verbreiteten moralischen Zerfall liegt. Und das halte ich für eine gütige und friedliche Koexistenz der Menschheit als Ganzes in der Welt für sehr gefährlich.
Perspektivisch könnte die künstliche Herstellung menschlicher Eizellen möglich werden. Welche Folgen wären aus Ihrer Sicht damit verbunden?
Erlauben Sie mir, diese Frage etwas weiter gefasst zu beantworten.
Im Laufe der Jahrzehnte hat die Medizin die Illusion geschaffen, dass sie für alles Lösungen finden und alle Anforderungen erfüllen kann. Dazu gehören Organtransplantationen, Schwangerschaftsabbrüche, Leihmutterschaft usw. Dies hat zu Situationen geführt, in denen die Medizin nun an die Grenzen der Ethik stößt. Wo enden medizinische Behandlungsmöglichkeiten, und wo beginnen Bioethik und Menschenwürde?
Bei der Organtransplantation ist ein neues Organ zu einer „Amazon Prime“-Ware geworden: In Deutschland muss man zwar warten, aber in China kann man ein Organ innerhalb von 2 Tagen bis 2 Wochen kaufen. Wie? Indem man Gewissensgefangene, z. B. Falun-Gong-Anhänger wegen ihrer Organe auf Bestellung tötet, da Falun-Gong-Praktizierende über gesunde Körper verfügen und seit Beginn der Verfolgung dieser Gemeinschaft im Jahr 1999 über ganz China verteilt in Konzentrationslagern gefangen gehalten werden. Ihre biologischen Parameter für ein mögliches Organmatch werden regelmäßig in diesen Lagern erfasst. Dadurch verfügt China über riesige Listen potenzieller Organquellen. Wie krass ist in diesem Fall gegen den medizinischen Eid, die Bioethik und die Menschenwürde verstoßen worden?
Die Abtreibung, ursprünglich als Behandlung für Extremsituationen geschaffen, ist zu einer Tötungsmethode geworden, bei der Eltern über ein Leben entscheiden und den Zeitpunkt der Tötung festlegen können; man kann darüber streiten, ob dies in Ordnung ist und ob der Embryo ein Mensch ist oder nicht, aber man kann nicht bestreiten, dass es sich um ein „lebendes, biologisches, ja gar menschliches Lebewesen“ handelt.
Wie können wir das also mit einem Straßenhund gleichsetzen? Wenn man willkürlich einen Straßenhund oder eine geschützte Tierart tötet, bekommt man eine Geldstrafe, aber das Töten eines Menschen in einem frühen Stadium ist durch Abtreibungsgesetze geschützt. Wo stoßen wir hier an die Grenzen der Ethik? Die Art und Weise, wie wir mit Embryonen umgehen, spiegelt auch die Art und Weise, wie wir mit unserer Gesellschaft als Ganzes umgehen.
Bei der Leihmutterschaft können Babys Forschungsergebnissen zufolge die Stimme der Mutter hören, erleben die Schwangerschaft gemeinsam mit ihr und bauen eine enge Beziehung zu ihr auf. Werden sie nach der Geburt dann nicht die leibliche Mutter vermissen und sich von der genetischen Mutter entfremdet fühlen? Wo überschreitet die Medizin ihre Aufgabe des „Heilens“ und begibt sich in den Bereich des „Social Engineerings“, wodurch sie ihre Grenzen überschreitet?
Bei der künstlichen Herstellung von menschlichen Eizellen tut sie das ganz bestimmt. Sie würde die Grenzen der Fortpflanzung massiv verschieben und wäre ein wahrer Brandbeschleuniger der Kommerzialisierung! Leihmutterschaft wäre insgesamt noch attraktiver und skalierbarer, was den Druck auf Leihmütter erhöhen könnte bei gleichzeitiger Unabhängigkeit von echten Eizellspenderinnen. Bei der Herstellung von Eizellen aus menschlicher Haut wird es dann ethisch sehr heikel. Nicht nur könnten zwei Männer ein genetisch gemeinsames Kind bekommen, sondern eine Person könnte theoretisch mit sich selbst ein Kind erzeugen! Gleichzeitig würde das Leid eines mutterlosen Kindes dabei vollständig ignoriert werden. Das würde ein Familienkonzept als Keimzelle der Gesellschaft dann völlig obsolet machen und völlig neue Fragen zu Identität, Inzestverbot und Elternschaft aufwerfen. Ja, vielleicht würde es sogar das Menschsein selbst in Frage stellen und wäre die Eintrittspforte in ein seelenloses posttrans-humanistisches Zeitalter mit vollends künstlich erzeugten Humanoiden.
Aus meinen Ausführungen geht hervor, dass die Bioethik folglich ein guter Anhaltspunkt ist, um zu entscheiden, wie weit wir in der Medizin gehen dürfen.
Zur Person
Andreas Weber, MD, ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Deputy Director für Europa bei Doctors Against Forced Organ Harvesting, DAFOH. Er war Sachverständiger im Gesundheitsausschuss des 20. Deutschen Bundestags (Befragung zur Änderung des deutschen Transplantationsgesetzes) und ehemaliges Mitglied eines chirurgischen Organexplantationsteams der DSO (Deutschen Stiftung Organtransplantation) und als Mitarbeiter auch beteiligt an der Allokation von Spenderorganen und Zusammenstellung von Organtransplantationsteams für die Region Nordrhein-Westfalen (NRW), Deutschland.
Doctors Against Forced Organ Harvesting (DAFOH) ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die 2006 von Medizinern verschiedener Fachrichtungen gegründet wurde, um gegen unethische und illegale Organentnahme zu kämpfen, insbesondere in China. Die Organisation setzt sich für die Wahrung höchster ethischer Standards in der Medizin ein und orientiert sich an Richtlinien wie dem Hippokratischen Eid, der Genfer Deklaration, dem Nürnberger Kodex, der Deklaration von Helsinki und der Deklaration von Istanbul. Ihr Ziel ist es, die medizinische Gemeinschaft und die Öffentlichkeit über erzwungene Organentnahme aufzuklären, die als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Bedrohung für die medizinische Wissenschaft gilt.
DAFOH Friedensnobelpreis Nominierungen: 2024, 2017, 2016
DAFOH Auszeichnungen: 2019 Mutter Theresa Preis für soziale Gerechtigkeit
Quellen:
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- Du, T., et al. (2023). Factors affecting male-to-female ratio at birth in frozen-thawed embryo transfer cycles: a retrospective cohort study. Frontiers in Endocrinology. DOI: 10.3389/fendo.2023.1188433). ↩︎
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- Kenney, N. J., & McGowan, M. L. (2010). Looking back: egg donors’ retrospective evaluations of their motivations, expectations, and experiences during their first donation cycle. Fertility and Sterility, 93(2), 455–466. ↩︎
- Gezinski, L. B., et al. (2016). Exploring Motivations, Awareness of Side Effects, and Attitudes Among Egg Donors. Fertility and Sterility. ↩︎
- Ferolino, A. P. (2020). Mothers for Others: An Interpretative Phenomenological Analysis of the Experiences of Gestational Surrogates in the Philippines. Qualitative Report. (Zeigt, dass Altruismus die primäre Motivation ist.) ↩︎
- Martínez-López, J. Á., et al. (2024). Surrogacy in the United States: analysis of motivations and experiences. Reproductive Biomedicine Online. ↩︎
- Lamba, N., Jadva, V., Kadam, K., & Golombok, S. (2018). The psychological well-being and prenatal bonding of gestational surrogates. Human Reproduction, 33(4), 646–653. ↩︎
- Santamaría-Gutiez, R., et al. (2025). Exploring Attachment Dynamics in Surrogacy: A Systematic Review. Psychiatry International, 6(4), 145. ↩︎
- Negahdari, S., et al. (2023). Evaluation of Epigenetic Factors in Surrogacy: A Mini-Review. Journal of Obstetrics, Gynecology and Cancer Research, 8(2), 95–102. ↩︎
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- Lamba, N., et al. (2018). The psychological well-being and prenatal bonding of gestational surrogates. Human Reproduction, 33(4), 646–653. (untersucht auch psychische Belastungen und Verarbeitung) ↩︎
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