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Debatte zur Leihmutterschaft

Argumente der Leihmutterschaftsbefürworter unter der Lupe

Foto: Carina Kottke-Gorny auf Pexels
Foto: Carina Kottke-Gorny auf Pexels

Unsere Autorin Patricia Schulz hat sich kritisch mit 11 Argumenten von Leihmutterschaftsbefürwortern auseinandergesetzt, die in den letzten Tagen in den Medien und auf Social Media genannt wurden. Einige der Positionen hat sie bewusst zugespitzt. Denn Satire lebt davon, Argumente konsequent zu Ende zu denken.

1. Es gibt ein Menschenrecht auf das eigene Kind

Leihmutterschaftsbefürworter: Es gibt ein Menschenrecht auf das eigene Kind und darauf, die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Der Staat ist deshalb verpflichtet, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass dieses Recht verwirklicht werden kann.

Originalzitat

Antje Jelinek: „Fortpflanzung ist ein Menschenrecht.“ (für „Ruhrbarone“)

„Gibt es ein Recht auf ein eigenes Kind? Ja, in meinen Augen gibt es das, denn es ist eine Form der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, auch wenn der Kinderwunsch nicht immer erfüllt werden kann, weil die Reproduktionsmedizin an Grenzen stößt. Der Wunsch nach eigenen Nachkommen ist biologisch in allen Spezies, die sich geschlechtlich fortpflanzen, angelegt. Natürlich ist dieser Wunsch individuell unterschiedlich groß, aber er ist nun einmal biologisch begründbar und nachzuvollziehen. In meinen Augen ist es sogar ein Menschenrecht und mit unserer Art und unserer Sterblichkeit eng verbunden. Die eigenen Gene weiterzugeben, sichert unser Überleben nach dem Tod, zumindest was unsere Art und einen Teil unserer Individualität in Form unserer Gene betrifft. Unfruchtbarkeit ist eine Krankheit, die behandelt werden kann.“

Nein.

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann noch so schmerzhaft sein. Er begründet kein Menschenrecht, die biologischen Grenzen der eigenen Fortpflanzungsfähigkeit zu überwinden, indem Frauen für die eigenen Zwecke instrumentalisiert und auf Produktionsstätten und Rohstofflieferantinnen reduziert werden.

2. Menschen mit Kinderwunsch werden ohnehin Wege finden, ihren Wunsch zu verwirklichen

Leihmutterschaftsbefürworter: Menschen mit Kinderwunsch werden ohnehin Wege finden, ihren Wunsch zu verwirklichen. Deshalb sollte der Staat ihnen dafür einen legalen Weg eröffnen.

Originalzitate:

ZDF Heute

„Befürworter einer Legalisierung in Deutschland argumentieren auch, dass eine Erlaubnis in Deutschland ehrlicher wäre und Rechtssicherheit schaffen würde für Paare, die Leihmütter im Ausland in Anspruch nehmen.“

Tagesschau

„Das deutsche Verbot verlagert Leihmutterschaft also schlicht ins Ausland – und damit auch außerhalb der Kontrolle deutscher Behörden. Möglicher Ausbeutung wird so auch Tür und Tor geöffnet.“
„Es wird dringend Zeit, die gelebte Praxis anzuerkennen und einen sicheren Rahmen in Deutschland zu schaffen“, sagt auch Familienrechtsanwalt Oldenburger.

Na und?

Dass Menschen ein Verbot umgehen, ist kein Argument gegen das Verbot. Sonst müsste Deutschland jede Handlung legalisieren, die anderswo erlaubt ist – etwa Kinderehen, Polygamie oder kommerzielle Organvermittlung. Die richtige Konsequenz besteht deshalb nicht darin, das Verbot aufzuheben, sondern die rechtliche Lücke zu schließen und den Reproduktionstourismus zu sanktionieren.

3. Altruismus beginnt dort, wo die „Leihmutter“ leer ausgeht

Leihmutterschaftsbefürworter: Kommerzielle Leihmutterschaft ist problematisch, weil die Leihmutter bezahlt wird. Werden hingegen nur die Kliniken, Agenturen, Anwälte und alle anderen Beteiligten bezahlt, während allein die schwangere Frau kein Honorar erhält, handelt es sich um altruistische Leihmutterschaft.

Originalzitat:

Quelle: https://x.com/Karl_Lauterbach/status/2077802087518200017?s=20

Ernsthaft?

Leihmutterschaft ist ein Riesengeschäft mit Milliardenumsätzen weltweit und jährlichen Wachstumsraten von über 20 Prozent. Dass ausgerechnet die „Leihmutter“ als Einzige kein Honorar erhält, macht aus Kinderkauf, der Objektifizierung und der Ausbeutung von Frauen keine humanitäre Mission.

4. Ohne gemeinsame Gene keine Emotionen

Leihmutterschaftsbefürworter: Die schwangere Frau ist emotional nicht wesentlich an das Kind gebunden, weil sie genetisch nicht mit ihm verwandt ist. Die schwangere Frau ist für die Elternschaft nicht entscheidend. Entscheidend sind Genetik, Verantwortung und Erziehung.

Originalzitat:

Ralf Höcker „Es ist vollkommen absurd, hier davon zu sprechen, dass einer Mutter ihr Baby entrissen wird.“

Quelle: https://x.com/Ralf_Hoecker/status/2078048251412877406?s=20

Ach?

Die kategorische Bagatellisierung oder Leugnung der Bedeutung der fundamentalen biologischen Prozesse während der Schwangerschaft für die körperliche und psychische Entwicklung des Kindes sowie für die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind dient einzig dazu, die austragende Mutter auf die technische Funktion eines Brutkastens zu degradieren.

5. Ungewollte Kinderlosigkeit ist eine Krankheit. Leihmutterschaft ist die Therapie

Leihmutterschaftsbefürworter: Ungewollte Kinderlosigkeit ist eine Krankheit – biologisch keine gemeinsamen Kinder bekommen zu können, wird als „soziale Unfruchtbarkeit“ bezeichnet und damit der medizinischen Unfruchtbarkeit gleichgestellt. Leihmutterschaft ist die Therapie.

Originalzitat:

Verein zur Förderung der Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland e. V.:

„Leihmutterschaft sollte eine rechtlich erlaubte Option zur Elternschaft für jeden sein, Einzelpersonen oder Paar, der nicht auch ohne den Weg einer Leihmutterschaft zu biologische Eltern werden können. Diese Definition schließt sowohl medizinische Unfruchtbarkeit (bei Frauen oder Transmännern, die einen Uterus haben aber aus medizinischen Gründen keine Schwangerschaft austragen können) als auch soziale Unfruchtbarkeit (bei Frauen und Transmänner ohne Uterus) ein, aber nicht Frauen, die einfach keine Schwangerschaft wünschen.“

Wirklich?

Nicht jeder unerfüllte Wunsch ist eine Krankheit. Der Begriff der „sozialen Unfruchtbarkeit“ dient dazu, natürliche oder biografische Lebensumstände zu einer medizinischen Diagnose umzudeuten. So wird aus einem Kinderwunsch ein Behandlungsanspruch, aus Leihmutterschaft eine vermeintliche Therapie und aus einer Anspruchshaltung ein Appell an das Mitgefühl, dem sich selbst die hartgesottensten Misanthropen kaum entziehen können.

6. Leihmutterschaft zu verbieten ist autoritär. Sie zu legalisieren ist Freiheit

Leihmutterschaftsbefürworter: Ein Staat, der Leihmutterschaft verbietet, ist paternalistisch, autoritär oder sogar totalitär. Ein Staat, der sie ermöglicht, verwirklicht Freiheit.

Originalzitate:

Jens Spahn: Frauke Brosius-Gersdorf spricht sich für Legalisierung von Leihmutterschaft aus

„Die Union spricht mit dem Verbot der Leihmutterschaft und übrigens auch der Eizellspende in Deutschland Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung ab. Sie will einen paternalistischen Staat, der am besten weiß, was für Frauen und auch für potenzielle Leihmütter gut ist.“

Ralf Höcker:

„In einem Rechtsstaat ist erst einmal alles erlaubt, was nicht ausnahmsweise verboten ist. In Diktaturen mag das andersherum sein: Dort ist womöglich alles verboten, wenn es nicht ausnahmsweise erlaubt ist. Grundsätzlich gibt es also sehr wohl ein Recht darauf, Kinder zu haben und die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin in Anspruch zu nehmen. Nur wenn sehr gute Gründe dafür sprechen, dieses Grundrecht einzuschränken, sind ein Verbot oder eine strenge Regulierung zulässig.“

Nein.

Freiheit bedeutet nicht, andere Menschen für die Erfüllung eigener Wünsche in Anspruch nehmen zu dürfen. Die Legalisierung der Leihmutterschaft erweitert nicht die Freiheit aller, sondern erkauft die Bedürfnisbefriedigung einiger weniger mit Kinderhandel und der Ausbeutung der reproduktiven Fähigkeiten von Frauen.

7. Frauen nutzen ihr biologisches Fortpflanzungsprivileg, um Männer zu unterdrücken. Leihmutterschaft schafft Gleichstellung

Leihmutterschaftsbefürworter: Frauen verfügen über ein biologisches Fortpflanzungsprivileg, das sie benutzen, um Männer zu unterdrücken. Leihmutterschaft ist deshalb ein Beitrag zur Gleichstellung der Männer.

Originalzitat:

https://twitter.com/leinad_luelp/status/2078524881923097060?s=20

Ernsthaft?

Frauen haben kein Fortpflanzungsprivileg. Sie tragen die biologische Last der Fortpflanzung: Schwangerschaft, Geburt und die damit verbundenen gesundheitlichen und sozialen Risiken. Leihmutterschaft beseitigt deshalb keine strukturelle Benachteiligung von Männern, sondern gibt lediglich vor, die reproduktive Last durch ihre Einpreisung als handelbare Dienstleistung fair auszugleichen. Tatsächlich wird sie jedoch auf diejenigen Frauen verlagert, die bereit oder gezwungen sind, sie für andere zu übernehmen – zu einer Vergütung, die den körperlichen, psychischen und sozialen Dimensionen dieses gesamten reproduktiven Prozesses niemals gerecht werden kann.

8. Ausbeutung für alle

Leihmutterschaftsbefürworter: Es ist sozial ungerecht, dass bislang nur wohlhabende Menschen Leihmutterschaft im Ausland in Anspruch nehmen können. Der Zugang zur Nutzung der reproduktiven Fähigkeiten von Frauen muss deshalb sozial gerechter gestaltet werden.

Originalzitat:

Der Spiegel

„Wer reich ist, umgeht das deutsche Verbot und fliegt in die USA. Wer kein Geld hat, bleibt kinderlos.“

https://x.com/MiRo_SPD/status/2077679061959119268?s=20

Nein.

Soziale Gerechtigkeit bedeutet nicht, möglichst vielen Menschen Zugang zu einem Unrecht zu verschaffen. Es kann nicht darum gehen, soziale Ungleichheit beim Zugang zu Ausbeutungsmöglichkeiten zu beseitigen. Beseitigt werden muss die Ausbeutung selbst.

9. Wer sich Leihmutterschaft leisten kann, hat die besseren Gene

Leihmutterschaftsbefürworter: Wer Leihmutterschaft in Anspruch nimmt, ist in der Regel gut situiert. Das spricht für eine besonders gute genetische Ausstattung – insbesondere hinsichtlich Intelligenz und allgemeiner Gesundheit.

Originalzitat:

Antje Jelinek für Ruhrbarone:

„Sobald das Wort Genetik fällt, wird man von Radikalfeministinnen in die Eugenik-Ecke gestellt, dabei geht es genau darum, nämlich eigene Gene weiterzugeben. Für viele Menschen ist gerade das unglaublich wichtig und, wie erwähnt, auch biologisch komplett nachvollziehbar. Auch, dass Eltern, die sich die Mühe machen und medizinisch an gewisse Grenzen gehen, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen, genetisch eher gut ausgestattet sind, ist die Wahrheit und logisch begründbar und wertet niemanden ab. Zwei Gründe sprechen dafür: Zum einen ist die genetische Komponente, die zum Beispiel für Intelligenz und generelle Gesundheit wichtig ist, bei gut situierten Eltern eher gegeben. Dazu gibt es Statistiken.  Zum zweiten erfolgt eine Auswahl möglichst qualitativ guter Eizellen, Spermien und Embryonen, die im jeweiligen Prozess der Behandlung der Unfruchtbarkeit ausgewählt werden müssen. Das geschieht einfach auch, um die Erfolgsaussichten dieser Behandlungen zu gewährleisten. Das ist vernünftig und keine Eugenik. Einfach ausgedrückt: Keine Frau erduldet die Prozeduren einer Fruchtbarkeitsbehandlung und überlässt es dem Zufall, ob die Embryonen etwas taugen oder nicht. Dass die Einnistung gelingt, ist logischerweise mit der Qualität der Embryonen verbunden.“

Haha.

Diese sozialdarwinistische Argumentation bedarf eigentlich keiner Erwiderung. Doch der Vollständigkeit halber: Das Argument verwechselt soziale Privilegien mit genetischer Überlegenheit. Die Behauptung, Wohlstand korreliere genetisch mit besserer Intelligenz oder Gesundheit, beruht auf einem falschen Verständnis statistischer Zusammenhänge, die in Wahrheit soziale Vorteile widerspiegeln.

10. Natur schön und gut – aber der Mensch weiß es besser

Leihmutterschaftsbefürworter: Die Natur hat in ihrer naturgegebenen Gedankenlosigkeit den Fehler gemacht, Schwangerschaft an Frauen zu binden. Die Reproduktionsmedizin ist dabei, diesen Konstruktionsfehler endlich zu korrigieren. Leihmutterschaft ist ein notwendiges Zwischenstadium, das den Fortpflanzungsprozess bereits heute in sinnvolle, voneinander unabhängige Teilschritte zerlegt.

Originalzitat:

https://x.com/Ralf_Hoecker/status/2078502658608894259?s=20

Nein.

Hinter der Vorstellung, die Natur habe einen „Konstruktionsfehler“ begangen, steht die alte Idee, der Mensch könne sich zum Herrn über die Natur machen. Die Verachtung der natürlichen Fortpflanzung geht dabei mit einer Abwertung des weiblichen Körpers einher. Schwangerschaft erscheint nicht mehr als menschlicher Prozess, sondern als technisches Problem, das durch medizinische Verfahren, Verträge und Märkte optimiert werden soll. Was als Fortschritt gefeiert wird, ist letztlich die Unterwerfung der weiblichen Reproduktionsfähigkeit unter die Logik technischer Machbarkeit und ökonomischer Verwertung.

11. Mutter ist, wer bezahlt

Leihmutterschaftsbefürworter: Mutter ist künftig nicht mehr die Frau, die ein Kind austrägt und zur Welt bringt, sondern die Person, die den Vertrag geschlossen und sämtliche Kosten übernommen hat.

Originalzitat:

https://x.com/allesevolution/status/2078038650948825115?s=20

https://x.com/allesevolution/status/2078178368386642225?s=20

Nein.

Leihmutterschaft kommt nicht ohne Fragmentierung der Mutterschaft und Betrachtung des Frauenkörpers als entkoppelbare Ressource aus. Hier wird die Entwertung biologischer Mutterschaft auf die Spitze getrieben. Die Frau, die das Kind austrägt und zur Welt bringt, verliert ihren rechtlichen Status als Mutter und wird nur noch als Mittel zum Zweck behandelt. Mutterschaft wird durch die Zahlungsfähigkeit der Auftraggeber konstituiert.

Die Kampagne von Frauenheldinnen e. V. gegen Leihmutterschaft unterstützen

Wenn Sie die Forderung unterstützen möchten, die bestehende Strafbarkeitslücke bei Auslandsleihmutterschaften zu schließen, finden Sie hier Informationen zur Kampagne von Frauenheldinnen e. V.

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Artikel von

  • Patricia Schulz

    Patricia Schulz ist Frauenheldin und langjährige frauenpolitische Aktivistin. Die politische Prägung von Patricia Schulz erfolgte in den 80ern in autonomen und basisdemokratischen Strukturen. In den letzten Jahren übernahm sie vor allem Aufgaben in gewerkschaftlichen Gremien. Die Angriffe gegen bereits erkämpfte Frauenrechte aus allen politischen Lagern und Veränderungen in der Ausrichtung zahlreicher Organisationen, die ursprünglich als Interessenvertretung für Frauen und Mädchen entstanden waren, führten dazu, dass sie mit anderen engagierten Frauen den Verein Netzwerk Frauenrechte e. V. gründete.

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